Flüchtlinge in Zelten sind eine politische Entgleisung. „Zeltstädte“ sind eine sprachliche Entgleisung.

In Österreich Flüchtlinge in Zelten unterzubringen (und zu behaupten, es zu müssen), ist schrecklich. In mehrfacher Hinsicht. Zelte sind temporäre Bauwerke, Flüchtlinge sind aber gekommen um zu bleiben. Ihnen nur temporäre Unterkünfte anzubieten, ist ein fatales Signal fehlender Wertschätzung. Zelte sind zwar im Urlaub ganz lustig (deswegen gibt es Campingplätze), aber sie sind unwirtlich und signalisieren Abenteuerlichkeit – der Bedarf an Abenteuern ist bei Menschen, die eine Flucht hinter sich haben, aber bei weitem übererfüllt, sie suchen Schutz, ein Minimum an Geborgenheit. Zelte insinuieren aber auch eine Katastrophenstimmung, die angesichts der tatsächlichen Flüchtlingszahlen und Asylanträge in Österreich nicht angemessen erscheint.

Seit Wochen wird aber hierzulande nicht nur von Zelten und Zeltlagern gesprochen, sondern von Zeltstädten. In Österreich sind einige hundert Flüchtlinge in 8-Personen-Zelten untergebracht. Die nach Einwohnern kleinste Stadt Österreich, Rattenberg in Tirol, hat zwar tatsächlich nur einige hundert Einwohner. Selbst nach diesem Maßstab sind die Flüchtlingslager keine Städte. Zieht man statistische Klassifikationen heran (5.000–10.000 Einwohner, 150 bis 300 Einwohner pro Quadratkilometer) sind die „Zeltstädte“ der Flüchtlinge alles, nur keine Städte.

Natürlich gibt es Zeltstädte. Mina – hier leben Mekka-Pilger – ist eine Zeltstadt. In Jordanien gibt es die Zeltstadt Zaatari für syrische Flüchtlinge. Zeltstädte gibt es im Libanon, (für Obdachlose) in den USA und anderswo. Es gibt auch große Campingplätze, der größte Deutschland, die Grav-Insel, hat 2.000 Stellplätze, sehr große Camping-Plätze in Österreich haben 100, 200, sogar 400 Stellplätze. Aber würde jemand das Terrassen-Camping Traisen (100 Stellplätze) als „Zeltstadt“ bezeichnen? Wohl kaum.

Aber es gibt gute Motive, die erbärmlichen Zeltlager (die mit der Idylle eines Campingplatzes natürlich gar nichts zu tun haben) für Flüchtlinge „Zeltstädte“ zu nennen. Diejenigen, die sie aus humanitären Gründen ablehnen, geben ihren Argumenten damit einen tragischen Unterton, den ein Zeltlager nicht anzubieten hat. Denjenigen, die meinen das Boot sei voll, ist die Düsternis der Sprache sowieso recht. Und diejenigen, die darüber berichten, wollen ihre Berichte dramatisch aufladen, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren.

Warum sprechen aber diejenigen, zum Beispiel die Innenministerin, deren Beruf es ist, Probleme zu lösen, ebenfalls von Zeltstädten? Oder lassen es zumindest unwidersprochen zu? Wollen sie damit andere unter Druck setzen? Das wäre denkbar. Aber ebenso denkbar ist, dass sie sich gar keine Gedanken darüber machen und fahrlässig einer sprachlichen und damit politischen Radikalisierung Vorschub leisten.

 

Martin Novak war viele Jahre Journalist, darunter auch Gerichtsberichterstatter. Seit mehr als 20 Jahren ist er Kommunikations- und PR-Berater in Graz.